Mehr über das Diagnoseproblem

 

 

Die Menschen werden in ihrem Leben die ganze Zeit in Kategorien eingeteilt. Medizinische Diagnosen sind nützlich für Ärzte, aber gleichzeitig (besonders bei psychiatrischen Diagnosen) kann es vorkommen, dass sich Ärzte bei einem bestimmten Fall nicht einig sind. Den Stempel einer psychologischen Störung zu erhalten, kann in sich schon traumatisch sein (!), aber es kann dir helfen, die beste Behandlung zu bekommen.

Für Leute mit dissoziativer Identitätsstörung gibt es eine relativ große Menge an Informationen und Unterstützung im Internet. Einige von euch, wie ich etwa, können sich sehr mit den Leuten mit DIS identifizieren, stellen aber fest, dass es nicht ganz das gleiche ist, oder können darüber verwirrt sein, ob man wirklich so sehr dissoziativ ist, oder ob es vielleicht an etwas anderem liegt (wie z. B. "ich bin launisch, ich bin nur ein Lügner" usw.). Es ist keine Entweder-oder-Sache ("Entweder habe ich eine multiple Persönlichkeit oder nicht"), selbst wenn du nicht die DIS-diagnose erhältst. Für diejenigen, die weit am Ende des Spektrums der Dissoziation sind, aber nicht speziell in eine der dissoziativen Störungen fallen (also dissoziative Amnäsie, Depersonalisation, DIS), gibt es ebenfalls eine Kategorie (für die Zeiten, in denen eine gebraucht wird), und diese wird üblicherweise DSNNS genannt. Wenn du also nicht "spezifiziert" bist, heißt das, dass du nicht existierst? Nun, nach meiner Erfahrung kann es sich sicherlich manchmal so anfühlen. Unabhängig von der Menge und Komplexität der Dissoziation, die du erlebst, und wo auch immer du dich auf dem Kontinuum der Dissoziation befindest, GEHÖRST du irgendwohin und deine Erfahrungen sind genauso reell und legitim wie die von irgendwem anders (Für mehr Klärung und Information, klick hier).

Meiner Erfahrung und auch der von anderen nach ist es ebenfalls üblich, im Denken vor und zurück zu gehen, "Ich habe Anteile" und "Ich bilde mir das ein und bin wirklich wie jeder andere". Viele Leute werden sagen, dass "jeder Mensch Anteile hat". Tja, das stimmt in der Hinsicht, dass man zuhause ein anderer Mensch ist als auf der Arbeit. Aber der "Durchschnittsmensch" hat keine aufdringlichen Stimmen und ernsthafte Verwirrung über seine Identität. Er sorgt sich nicht darüber, dass er sich seinen Kindern gegenüber wie eine andere Person benimmt als seinen Mitarbeitern gegenüber. Bei einem dissoziativen Menschen können diese Switche schnell und zur falschen Zeit kommen, so dass sich der Betroffene (und die Menschen um ihn herum) fragt, was los ist. Es scheint eine Art von Abtrennung sich selbst gegenüber zu geben, wenn die Anteile "übernehmen". Dies passiert nicht-dissoziativen Menschen nicht.

Unterschiede zwischen DIS und DSNNS: Viele Leute fragen sich, wo da der Unterschied ist... aber die Antwort ist wirklich nicht so einfach, weil Menschen mit DSNNS, und sogar mit DIS, sich an verschiedenen Stellen innerhalb des Kontinuums der "pathologischen" Dissoziation befinden können. Außerdem bezieht sich DSNNS nicht NUR auf Leute, die eine aufgesplitterte Persönlcihkeit haben, sondern auch auf Leute, die auf verschiedene Arten dissoziieren, sich selbst aber im wesentlichen als "ganz" betrachten.

Dennoch kann man allgemein sagen, dass leute mit DSNNS keine klar ausgeprägten ("abgetrennten und verschiedenartigen") Innenpersonen haben und oft keine Amnäsie während eines "Switches" erleiden. Oft haben die Anteile keine Namen, und die Anteile oder Fragmente sind viel häufiger co-bewusst, wobei der Betroffene sich fühlt, als wenn er sich selbst beobachtet, wie er anders handelt als normalerweise, aber keine volle Kontrolle über sein Verhalten hat. Es ist, als hätte ein Teil der Persönlichkeit die Kontrolle, und der andere schaut zu... also gibt es keine Amnäsie. Eine andere Art, dies zu beschreiben ist, dass man während eines Switches Depersonalisation erlebt, statt eine Amnäsie zu haben. Letzten Endes ist es wichtig, dass du dir darüber klar bist, dass wenn du mit DSNNS diagnostiziert wurdest, dies (1) nicht unbedingt heißt, dass du missbraucht wurdest, und auch nicht, dass du nicht missbraucht wurdest, und (2) bedeutet es nicht (falls du missbraucht wurdest), dass der Missbrauch, den du erlitten hast, weniger schlimm war als bei jemandem, der DIS hat.

Eine andere Ausprägung der DSNNS ist, wenn ein Betroffener Black-outs hat, also den Zeitverlust der DIS, sich aber nicht fühlt, als hätte er eine geteilte Identität. Hier muss vermerkt werden, dass Leute, die Symptome einer schweren Dissoziation aufweisen, wie ich sie hier beschrieben habe, oft in die DSNNS-Kategorie gesteckt werden, aber später, wenn der Psychiater (und vielleicht der Patient) mehr über den Betroffenen weiß oder dieser mehr Tests gemacht hat, die Diagnose zu DIS geändert wird. Ob jemand DSNNS oder DIS hat, kann oftmals nicht sehr wichtig sein, da die Probleme und die Behandlung so ziemlich die gleichen sind.

Mehrfach-Diagnosen: DSNNS ist oftmals nur eine von mehreren Störungen, mit denen man diagnostiziert werden kann... Viele Leute haben sowohl DSNNS als auch eine andere Störung. Häufige Störungen sind Depressionen, Zwangsstörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Panikstörungen, PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung)... die Liste geht noch weiter. Natürlich erschwert dies das Diagnosebild und kann dir das Gefühl geben, dass du wirklich irre bist!

Wie wichtig ist also eine Diagnose? Meiner Meinung nach kann eine sorgfältige Diagnose für Ärzte sein nützlich sein, damit sie miteinander kommunizieren können, damit du eine effektive Behandlung erhältst (zum Beispiel wäre es nicht gut, wenn du als manisch-depressiv bezeichnet wirst, obwohl du es nicht bist). Sie kann ebenfalls hilfreich sein, um Selbsthilfegruppen zu finden, bei denen andere Leute dieselben Probleme haben.

Ich ziehe es vor, DSNNS, wie auch Depression, als "Zustand" und nicht als Störung zu bezeichnen (Anm. d. Übers.: Amanda schreibt hier "condition", das kann sowohl Zustand als auch medizinische Beschwerden heißen und ist nicht direkt übersetzbar. Daher verbleibe ich für den Rest der Übersetzung beim Wort "Störung".). Obwohl es in dieser Homepage um eine dissoziative STÖRUNG geht, gebe ich mir nicht gerne den Stempel, eine Störung zu haben. Wenn ich dies tue, neige ich dazu, ein negatives Gefühl über mich zu haben, was mir nicht hilft, mich zu akzeptieren oder mein Leben zu verbessern.